Der erste absolut ehrliche Bericht über den Aktienmarkt

Der Markt™ erholte sich heute früh aus Gründen, die niemand versteht und auch niemand vorhergesagt hat. Analysten auf ENTV behaupteten selbstbewusst, dass dies etwas mit der senegalesischen Geldmenge zu tun habe, andere wiesen auf revidierte monatliche Zahlen der kommerziellen afghanischen Ziegenhirten hin. Der DAX fiel am späteren Morgen um 69 Punkte, da Anleger Gewinne mitnahmen - was eine komplett bedeutungslose Phrase ist, welche Finanzjournalisten nutzen wenn sie keine Ahnung haben, worüber sie eigentlich sprechen.

Gegen Mittag stiegen besonders die Aktien im Technologiesektor stark an (vielleicht wegen dem Gewinn-Zurücklassen der Anleger?) kurz bevor eine spätere große Verkaufswelle für starke Verluste am gesamten Markt sorgte. Glücklicherweise folgte nach der Verkaufswelle direkt eine Kaufwelle, da bei jeder Transaktion am Aktienmarkt ein Verkäufer immer an einen Käufer verkaufen muss und sich Aktien nicht magischerweise in Luft auflösen.

Friedrich Merz färbte sich die Haare, Donald Trump stolperte über den Rasen seines Golfplatzes und der chinesische Präsident machte sicher irgendetwas Kommunistisches. Selbstverständlich hatten diese politischen Ereignisse ebenfalls Einfluss auf den heutigen Markt. Damit meine ich jedoch nicht den Anleihemarkt, denn der war langweilig wie immer.

Am Abend dann folgte die Sitzung der Europäischen Zentralbank. Die Notenbanker senkten die Leitzinsen tatsächlich völlig überraschend. Getrieben von diesen Nachrichten stieg der Markt stark an, da niedrige Zinsen einen positiven Einfluss auf die Vermögenspreise haben. Danach rauschte der Markt jedoch ab, da der Markt nun das Inflationsrisiko einpreiste. Anschließend trieb die Erwartung, dass die niedrigen Zinssätze die träge Wirtschaft ankurbeln, den Aktienmarkt auf neue Hochs. Nachfolgend fiel der Markt jedoch wieder, da eine überhitzte Wirtschaft die Zentralbanken ultimativ wieder zu einer Erhöhung der Zinsen zwingen würde.

Um diese marktbewegenden Ereignisse einzuordnen, dürfen nun - wie immer in einem professionellen Marktbericht - die Zitate der alten Säcke nicht fehlen:

“Die jungen Leute am Markt sind verwöhnt von zu hohen Kursen & werden sich die Finger verbrennen!” warnt der Senior Chefanalyst der HBSC, Peter Put, der schon seit Anfang 2021 vollständig in Cash ist und auf den nächsten großen Crash wartet.

Andere Hedgefondsmanager bestätigen dieses Sentiment: "Klar, ich habe zwar die letzten 5000 Punkte des DAX-Anstiegs verpasst und mein Fonds hat seit Auflage in 2014 solide 3% des Anlagevermögens vernichtet, aber mal ehrlich, wen kümmert das? Die Gebühr des Fonds bezahlt mich, nicht die Fondsperformance." erklärt uns Mirko Düller, während er champagner-spritzend Untergangsszenarien aus seiner S-Klasse ruft.

"Die Zentralbank sollte dringend handeln und die Leitzinsen wieder erhöhen." schreibt der Ökonom Prof. Dr. Euri Bohr in einer am Abend vorliegenden Studie. Auf Nachfrage teilt er uns pikante Details zu seiner Analyse mit, die uns exklusiv vorliegen: "Wissen Sie, jeder kann sich Ökonom nennen, das ist gar keine geschützte Berufsbezeichnung. Eigentlich habe ich einen Doktor in Chemie. Dass sich mein Name wie der Euribor (Euro Interbank Offered Rate) anhört, ist reiner Zufall." eröffnet uns Euri Bohr, während er eine Münze aus seinem weißen Laborkittel holt. "Sehen Sie diese Münze? Wenn ich diese vor der nächsten Zinsentscheidung werfe, liege ich mit 50% richtig oder falsch. Das reicht für den Job als Ökonom. Denn wenn die Ökonomen stets richtig lägen, warum sind sie dann nicht verdammt nochmal reich und liegen nicht irgendwo am Strand rum? Aber naja, jeder lebt anders, wa?" erklärt uns der Wirtschaftswissenschaftler (auch das ist kein geschützter Begriff) Prof. Dr. Bohr.

Nun aber zu den Einzelwerten, die ein professioneller Trader sich auch auf seinem über 2000 € / Monat kostenden Bloomberg Terminal in Echtzeit anschauen könnte. Andere Anleger sollten diese Art von Artikeln so oder so nicht lesen, denn was sich in der Presse gut verkauft schadet den meisten Anlegern. Sei es der Pessimismus von Crashpropheten oder der Traum von schnellem Reichtum (der dann oft leider schnell zerplatzt). Gut, dass Artikel dieser Art keine sinnvolle Investmentberatung darstellen müssen (dafür werden Wirtschaftsjournalisten ja auch nicht bezahlt), also weiter im Text:

Apples Börsenwert legte um gewaltige $ 3 Mrd. zu, was einem Kursanstieg von etwa 0,1% entspricht. Daimler fiel nach Dividendenausschüttung um 6 %. Der Preis für gefrorenen Orangensaft Futures stieg nach kurzfristig extrem niedrigen Preisen um 75% und erwischte viele Trader sprichwörtlich kalt (bitte melde dich, falls du 6803 Liter gefrorenen Orangensaft brauchst, abzuholen in Hannover Herrenhausen). Nvidia stieg um 12 %, nachdem der CEO bei einer Präsentation dreimal hintereinander das Wort “KI” gesagt hatte, ohne dabei zu blinzeln. Auch Alphabet, die Muttergesellschaft von Google (was mittlerweile nun auch jeder wissen sollte, schließlich ist die Umstrukturierung nun fast anderthalb Jahrzehnte her..) stürzte um 90% ab. "Mit diesem Einbruch hat niemand am Markt gerechnet." betont ein Analyst der UCS, der das Kursziel nach dem Einbruch nun schnell von 1000€ (BUY) auf 100€ (SELL) senkt, was im Nachhinein natürlich absolut niemandem nutzt. Oder Moment mal, war da nicht ein 1:10 Aktiensplit der diesen kaputten Kurschart begründet? Egal, nur noch schnell die Leserfragen und ich kann Feierabend machen:

Einer unserer Leser fragt: "Ist ein Kursanstieg von Apple zu erwarten, da ja das neue iPhone angekü.."

Nein, bitte stelle diese Frage gar nicht erst. Die Antwort ist ja, es ist eingepreist. Du denkst, dass Apple die Gewinnerwartungen deswegen im nächsten Quartal schlagen wird? Das wurde bereits eingepreist. Du arbeitest am Drive-In einer bekannten Burgerkette und hast herausgefunden, dass die Burger aus Menschenfleisch gemacht werden? Eingepreist. Denkst du, Insider wüssten das nicht bereits? Alles woran du denken kannst, wurde bereits eingepreist. Selbst die Gedanken, die du niemals haben wirst. Dein Bewusstsein ist nur eine Illusion, ein Produkt des allwissenden Marktes. Freier Wille ist ein Mythos. Der Markt sieht alles, weiß alles und war seit Beginn der Zeitrechnung bis zum Ende des Universums (der Markt hat den Tod des Universums bereits eingepreist) das, was die Menschheit geleitet hat. Also bitte, bevor du irgendwen fragst, ob Apple die Verkäufe des iPhone 60 bereits eingepreist hat, weißt du nun, dass das bereits eingepreist wurde. Bitte stelle keine weiteren so saudummen Fragen.

Disclaimer: Der Autor unterliegt einem potenziellen Interessenkonflikt, da er im Artikel genannte Aktien im Portfolio halten könnte. Eigentlich gibt es gar keine potenziellen Interessenkonflikte, sondern nur tatsächliche Interessenkonflikte. Dieser Artikel ist Anlageberatung. Das kann ich eindeutig so behaupten, da Artikel dieser Art grundsätzlich nie Anlageberatung sein können, um so unsinniger ist es, dass dies gebetsmühlenartig in den meisten Disclaimern steht. Und ach ja, bevor ich es vergesse: Historische Renditen sind kein Indikator für zukünftig erzielbare Renditen! Interessiert niemanden? Habe ich mir gedacht.

Glücklicherweise wurde dieser großartige Artikel noch von einem echten Menschen als Anlehnung an die vor (vermutlich) mehr als 30 Jahren im Wall Street Journal veröffentlichte The First Totally Honest Stock Market Story geschrieben. Auch wenn man denken könnte, der Artikel wäre von einer KI erstellt worden, die darauf trainiert wurde, wie ein frustrierter Wirtschaftsjournalist kurz vor dem Burnout zu klingen. Entsprechend: investieren Sie nach dem Lesen solcher Artikel nur Geld, welches Sie bereits innerlich verbrannt haben.

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Blogeintrag: Titel Zwei